ws#6: Warum auch 2009 die Universität zerschlagen werden muss:
Am 02.12. wurde der Text „Warum auch 2009 die Universität zerschlagen werden muss“ von Martin Birkner diskutiert.

Zusammenfassung:

Die Basis der Diskussion bildete der Text von Martin Birkner, in welchem er 12 Thesen zur Rolle der Universität im kapitalistischen Produktionsprozess und Ansätze zu einer möglichen Überwindung skizzierte.

Einer der theoretischen Hauptstränge Birkners bei der Analyse sind postoperaistische Ansätze, diese finden sich auch in seinen Thesen wieder. Dort wird eine neue Qualität des kapitalistischen Produktionsregimes angenommen, welches zunehmend auf „immaterielle Wertschöpfung“ (tertiärer Sektor) setze. Somit habe sich die Fabrik in die Gesellschaft aufgelöst, das gesamte Leben sei nun dem Kapital und seiner Reproduktion tendenziell untergeordnet. Als Folge davon gäbe es kein Außerhalb des Kapitalismus mehr. Diese Tendenz trage jedoch auch den Keim der Überwindung in sich, böte die Möglichkeit über die bestehenden Verhältnisse hinauszutreiben. Durch den Wandel im Produktionsregime würden die Subalternen sich wieder Wissen aneignen, welches sie ermächtigen würde, selbstorganisiert zu schaffen anstatt entfremdet zu produzieren.

Um diese Möglichkeit der Selbstorganisation ginge es auch bei der Aneignung des Wissens im universitären Bereich. Wissen ist ein Gut, welches bei seiner Konsumption sich nicht verbraucht und somit tendenziell eher anwächst. Dies stellt den Kapitalismus vor das Problem, künstliche Knappheit (durch Gesetzgebung, Stichwort „Geistiges Eigentum“) herstellen zu müssen. Die Voraussetzung für eine solidarische Ökonomie ist somit gegeben, für die Aneignung und Erweiterung des Wissens wird weder Staat noch Kapital benötigt.

Alle Anwesenden teilten diese Ansätze zumindest partiell. Zunächst wurde die Frage erörtert, inwieweit das Postulat der „immateriellen Wertschöpfung“ zutreffe. Der Einwand des Eurozentrismus wurde erhoben. Anschließend wurde über postoperaistische Theorien im Allgemeinen debattiert. Dabei wurde von einigen Beteiligten die Meinung vertreten, dass diese Ansätze zwar erkenntnistheoretisch und für die politische Praxis nützlich seien, es ihnen jedoch an einem Fetischbegriff bzw. einer Ideologiekritik fehle.
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ws#5: kommuniqué einer abwesenden zukunft:
Am 25.11. diskutierten wir das soeben auf deutsch übersetzte Kommuniqué einer abwesenden Zukunft des Kollektivs „research&destroy“ aus der besetzten Universität von Santa Cruz (Kalifornien).

Zusammenfassung:

Zunächst wurde der Inhalt des Kommuniqué kurz zusammengefasst um anschließend die Diskussion über den Text zu eröffnen. Es wurde versucht, das Pamphlet in seinem Entstehungskontext zu verorten. Dabei wurde von einigen DiskutantInnen konstatiert, dass die „neoliberale Bildungspolitik“ im anglikanischen Raum bereits wesentlich stärker und länger gewirkt hat, als dies in Österreich der Fall ist. So wurde auf die dramatischen Verhältnisse der Studienbedingungen in Kalifornien verwiesen, wo sich die objektive Perspektivlosigkeit den Studierenden unverblümt zeigt. Dies spiegelte sich nach Meinung sämtlicher DiskutantInnen im Kommuniqué wider. Anschließend wurde die in Ansätzen aufblitzende Wertkritik der VerfasserInnen ebenso wie der auf radikale gesellschaftliche Veränderung abzielende Impetus des Textes diskutiert. Schließlich mündete die Debatte in einer Analyse des Inhaltes und der Form der aktuellen „Uni-Brennt-Bewegung“. Während der Dauer des gesamten Workshops entwickelten sich zahlreiche „Nebendiskurse“ (z.B. Kritik an einem „orthodoxen Marxismus“)
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ws #4: 17 Uhr, Südtiroler HochschülerInnenschaft, Schwarzspanierstr. 15, Stiege 1, 1. Stock:
Wir diskutierten „Über das Elend im Studentenmilieu“ der Situationistischen Internationale. Es gab auch einen Input und eine Diskussion, die – im Gegensatz zu den vorherigen Workshops – näher am Text bzw. an der Situationistischen Internationale war …
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Workshop #3 in Wien: 11.11.

Der nächste Workshop „Zerschlagt die Universität!?“ findet am Mi., 11.11. um 17 Uhr statt, Treffpunkt ist vor der Volxküche im Audimax-Gang. Lesen solltet ihr einen Ausschnitt aus György Konrad/Ivan Szelenyi: „Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht“ (wie immer unter texte), Florian gibt einen Input.
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Beim Workshop am 30.10. wurde eine Fortsetzung beschlossen, und zwar am Do., 5.11.2009, 14 Uhr. Treffpunkt ist 13:45 (diesmal wirklich!) vor der Volxküche im Audimax-Gang. Wir wollen gemeinsam den Text von Hans-Jürgen Krahl lesen, ich versuche aber auch, den Autor des (Werbung!) soeben eingelangten Diskussionsbeitrages (siehe Reiter nebenan) zur Diskussion einzuladen.

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ganz kurzer, subjektiver bericht vom ersten workshop:

inputstatement zur geschichte der universtitäten hinsichtlich ihrer rolle in der kapitalistischen arbeitsteilung („kopf“/“hand“) vom frühen kapitalismus über den fordismus (bedeutung von ingenieurInnen, technik) – rolle universitäter kämpfe – 1968 – umbruch der arbeitsteilung durch die massenuniversität – entwertung von bildungstiteln – versuch, dem durch staatliche regulationen entgegenzuwirken (studiengebühren, zugangsbeschränkungen – rolle der universität im postfordistischen kapitalismus: einerseits proletarisierung der studierenden (in ö. fast 50% an oder unter der armutsgrenze), andererseits auch heute noch unis als eliten-produzentInnen – chancen und (un)möglichkeit kritischer wissenschaft – verhältnis kritische wissenschaft / wissenschaftskritik – blinde flecken geschlechtliche / ethnische arbeitsteilungen. ein wesentlicher punkt der diskussion war die frage nach der (un)möglichkeit von reformen bzw. die infragestellung des begriffs überhaupt – diskussion über radikale perspektiven der bewegung: ausdehnung / verknüpfung mit anderen protesten. betont wurde die enorme wichtigkeit der erfahrungen der bewegung (selbstorganisation, kollektive wissensproduktion in der und druch die bewegung) – bei all den auch in der bewegung existierenden widersprüchen (v.a. sexismus) wird die besonders gute möglichkeit auf „bewußtseinsänderungen“ (ich mag das wort nicht) herausgestrichen.

…weitere kommentare natürlich erwünscht, ggf. bitte an redaktion //ät/ grundrisse dot net!

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Workshop, veranstaltet von der redaktion der grundrisse.zeitschrift für linke theorie & debatte (www.grundrisse.net) am Donnerstag, 30.10.2009, 13-15 Uhr, Südtiroler HochschülerInnenschaft, Treffpunkt 12:45 vor der Volxküche im Audimax-Gang

Zerschlagt die Universität!?
Wissensproduktion, gesellschaftliche Arbeitsteilung im Kapitalismus und soziale Kämpfe

Die Forderungen der aktuellen Protestbewegung wie „Ausfinanzierung der Unis“, „Mitbestimmung“, „keine Studienbeschränkungen“, „Schluss mit dem Bolognaprozess“ oder „Frauenquote in der Universtitäsverwaltung“ sind gut, richtig und vollinhaltlich unterstützenswert. Dennoch sind wir der Ansicht, dass ein unseres Erachtens ganz zentraler Aspekt wenn überhaupt, dann nur „implizit“ in all diesen Forderungen mitgemeint ist – jener nach der Rolle von Studierenden bzw. StudienabsolventInnen im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Gesellschaftliche Arbeitsteilung ist in (post)industriellen Gesellschaften funktionale Notwendigkeit und gleichzeitig Herrschaftsinstrument. Die Bildungsinstitutionen und hier allen voran die Universitäten spielen die Hauptrolle in der Zuteilung von Herrschaftspositionen, also in der Absicherung des Bestehens von hierarchischen, ausbeuterischen und unterdrückerischen Verhältnissen. Die Universität ist die wichtigste Produktionsstätte gesellschaftlicher Eliten, und selbst studentische Mitbestimmung, durchaus progressive Hochschulreformen und alternative Lehrmethoden bzw. -inhalte haben dahingehend nichts Grundsätzliches verändert. Deshalb ist die im Gefolge der 68er-Bewegung aufgetauchte Parole von der „Zerschlagung der Universitäten“ für uns nach wie vor aktuell – nicht als Zerstörung der Möglichkeit emanzipatorischer Bildung im institutionellen Rahmen, schon aber als die Tatsache, dass eine emanzipatorische Bildungs- bzw. Hochschulpolitik, die über den Kapitalismus hinauskommen will, die eigene potenziell elitäre Rolle im Rahmen der gesellschaftliche Arbeitsteilung radikal in Frage stellen muss. Kritische Wissenschaft und studentische Mitbestimmung ist ohne Kritik der Wissenschaft und politischer Selbstorganisierung jedenfalls sind zu wenig, meinen wir.

Aber es gibt noch einen zweiten Aspekt: Durch die Veränderung der Struktur des Kapitalismus in den letzten 20, 25 Jahren sind die Universitäten näher an die ökonomische Produktionssphäre herangerückt, sind sie zum Teil direkt Rädchen im kapitalistischen Verwertungsgetriebe geworden. Drittmittelfinanzierung, industrienahe und sicherheitspolitisch relevante Lehrstühle auf der einen Seite steht auf der anderen die zunehmende Wissensbasiertheit des postfordistischen Kapitalismus gegenüber. Je mehr Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft wird, desto mehr wird die Universität zu einem Teil der „gesellschaftlichen Fabrik“. Kennzahlenunwesen, ECTS-Punkte, Sicherheitswahn an den Unis und die allgegenwärtige Evaluierungssucht sind deutliche Anzeichen dieser bereits weit fortgeschrittenen Tendenz. Dies konvergiert mit einer Proletarisierung der Studierenden: Rund die Hälfte der Studierenden in Österreich lebt an oder unter der Armutsgrenze! Dass dies Frauen, migrantische Studierende, AlleinerzieherInnen und nicht zuletzt auf Lohnarbeit angewiesene StudentInnen besonders betrifft, liegt auf der Hand. Wer Elite sein wird, muss studieren. Wer studiert, wird proletarisiert – wenn sie oder er nicht ohne dies bereits der Elite entstammt. Universitätspolitik ist also auch Klassenkampf, verstanden als Kampf gegen das Klassifiziert-Werden. Genügend Gründe also, um die Universität zu zerschlagen. Aber wie? Darüber lässt sich diskutieren.

Impulsreferat: Martin Birkner (redaktion grundrisse)
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WORKSHOP AN DER BESETZTEN UNIVERSTIÄT GRAZ

Workshop, veranstaltet von der redaktion der grundrisse.zeitschrift für linke theorie & debatte (www.grundrisse.net) am Samstag, 7.11.2009, 15-17.30 Uhr, KF-Uni Graz, Befreiter Hörsaaltrakt „Vorklinik“, HS 06.02

Zerschlagt die Universität!?
Wissensproduktion, gesellschaftliche Arbeitsteilung im Kapitalismus und soziale Kämpfe

Die Forderungen der aktuellen Protestbewegung wie „Ausfinanzierung der Unis“, „Mitbestimmung“, „keine Studienbeschränkungen“, „Schluss mit dem Bolognaprozess“ oder „Frauenquote in der Universtitäsverwaltung“ sind gut, richtig und vollinhaltlich unterstützenswert. Dennoch sind wir der Ansicht, dass ein unseres Erachtens ganz zentraler Aspekt wenn überhaupt, dann nur „implizit“ in all diesen Forderungen mitgemeint ist – jener nach der Rolle von Studierenden bzw. StudienabsolventInnen im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Gesellschaftliche Arbeitsteilung ist in (post)industriellen Gesellschaften funktionale Notwendigkeit und gleichzeitig Herrschaftsinstrument. Die Bildungsinstitutionen und hier allen voran die Universitäten spielen die Hauptrolle in der Zuteilung von Herrschaftspositionen, also in der Absicherung des Bestehens von hierarchischen, ausbeuterischen und unterdrückerischen Verhältnissen. Die Universität ist die wichtigste Produktionsstätte gesellschaftlicher Eliten, und selbst studentische Mitbestimmung, durchaus progressive Hochschulreformen und alternative Lehrmethoden bzw. -inhalte haben dahingehend nichts Grundsätzliches verändert. Deshalb ist die im Gefolge der 68er-Bewegung aufgetauchte Parole von der „Zerschlagung der Universitäten“ für uns nach wie vor aktuell – nicht als Zerstörung der Möglichkeit emanzipatorischer Bildung im institutionellen Rahmen, schon aber als die Tatsache, dass eine emanzipatorische Bildungs- bzw. Hochschulpolitik, die über den Kapitalismus hinauskommen will, die eigene potenziell elitäre Rolle im Rahmen der gesellschaftliche Arbeitsteilung radikal in Frage stellen muss. Kritische Wissenschaft und studentische Mitbestimmung ist ohne Kritik der Wissenschaft und politischer Selbstorganisierung jedenfalls sind zu wenig, meinen wir.

Aber es gibt noch einen zweiten Aspekt: Durch die Veränderung der Struktur des Kapitalismus in den letzten 20, 25 Jahren sind die Universitäten näher an die ökonomische Produktionssphäre herangerückt, sind sie zum Teil direkt Rädchen im kapitalistischen Verwertungsgetriebe geworden. Drittmittelfinanzierung, industrienahe und sicherheitspolitisch relevante Lehrstühle auf der einen Seite steht auf der anderen die zunehmende Wissensbasiertheit des postfordistischen Kapitalismus gegenüber. Je mehr Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft wird, desto mehr wird die Universität zu einem Teil der „gesellschaftlichen Fabrik“. Kennzahlenunwesen, ECTS-Punkte, Sicherheitswahn an den Unis und die allgegenwärtige Evaluierungssucht sind deutliche Anzeichen dieser bereits weit fortgeschrittenen Tendenz. Dies konvergiert mit einer Proletarisierung der Studierenden: Rund die Hälfte der Studierenden in Österreich lebt an oder unter der Armutsgrenze! Dass dies Frauen, migrantische Studierende, AlleinerzieherInnen und nicht zuletzt auf Lohnarbeit angewiesene StudentInnen besonders betrifft, liegt auf der Hand. Wer Elite sein wird, muss studieren. Wer studiert, wird proletarisiert – wenn sie oder er nicht ohne dies bereits der Elite entstammt. Universitätspolitik ist also auch Klassenkampf, verstanden als Kampf gegen das Klassifiziert-Werden. Genügend Gründe also, um die Universität zu zerschlagen. Aber wie? Darüber lässt sich diskutieren.

Impulsreferat: Martin Birkner (redaktion grundrisse)

EMPFOHLEN WIRD, FOLGENDE TEXTE VORHER ZU LESEN:

Andre Gorz – Zerschlagt die Universität (1970): http://www.grundrisse.net/grundrisse24/ZerschlagtDieUniversitaet.htm

Martin Birkner: Alle Macht den Räten der Massenintellektualität!? Wissen als Produktivkraft im Postfordismus (2008): http://igkultur.at/igkultur/kulturrisse/1219930920/1219932437

Andreas Exner: Zerschlagt die Universität – Studierendenproteste radikalisieren (2009):
http://www.streifzuege.org/2009/zerschlagt-die-universitaet-studierendenproteste-radikalisieren

Markus Schallhas: Was ist Verschulung? Beitrag zur aktuellen Debatte um die Universität (2009):
http://unirot.blogsport.de/diskussion/

Andreas Exner: Freiheit statt Uni. Keimformen befreiten Lebens (2009): http://www.social-innovation.org/?p=1283

SCHADET AUCH NICHT:

Hans-Jürgen Krahl: Thesen zum allgemeinen Verhältnis von wissenschaftlicher Intelligenz und proletarischem Klassenbewußtsein (1969):
http://www.grundrisse.net/grundrisse21/Krahl.htm

Situationistische Internationale: Über das Elend im Studentenmilieu (1966):
http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm