Archiv Seite 4

workshop AM FREITAG! zerschlagt die universität!?

Workshop, veranstaltet von der redaktion der grundrisse.zeitschrift für linke theorie & debatte (www.grundrisse.net) am Donnerstag, 30.10.2009, 13-15 Uhr, Südtiroler HochschülerInnenschaft, Treffpunkt 12:45 vor der Volxküche im Audimax-Gang

Zerschlagt die Universität!?
Wissensproduktion, gesellschaftliche Arbeitsteilung im Kapitalismus und soziale Kämpfe

Die Forderungen der aktuellen Protestbewegung wie „Ausfinanzierung der Unis“, „Mitbestimmung“, „keine Studienbeschränkungen“, „Schluss mit dem Bolognaprozess“ oder „Frauenquote in der Universtitäsverwaltung“ sind gut, richtig und vollinhaltlich unterstützenswert. Dennoch sind wir der Ansicht, dass ein unseres Erachtens ganz zentraler Aspekt wenn überhaupt, dann nur „implizit“ in all diesen Forderungen mitgemeint ist – jener nach der Rolle von Studierenden bzw. StudienabsolventInnen im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Gesellschaftliche Arbeitsteilung ist in (post)industriellen Gesellschaften funktionale Notwendigkeit und gleichzeitig Herrschaftsinstrument. Die Bildungsinstitutionen und hier allen voran die Universitäten spielen die Hauptrolle in der Zuteilung von Herrschaftspositionen, also in der Absicherung des Bestehens von hierarchischen, ausbeuterischen und unterdrückerischen Verhältnissen. Die Universität ist die wichtigste Produktionsstätte gesellschaftlicher Eliten, und selbst studentische Mitbestimmung, durchaus progressive Hochschulreformen und alternative Lehrmethoden bzw. -inhalte haben dahingehend nichts Grundsätzliches verändert. Deshalb ist die im Gefolge der 68er-Bewegung aufgetauchte Parole von der „Zerschlagung der Universitäten“ für uns nach wie vor aktuell – nicht als Zerstörung der Möglichkeit emanzipatorischer Bildung im institutionellen Rahmen, schon aber als die Tatsache, dass eine emanzipatorische Bildungs- bzw. Hochschulpolitik, die über den Kapitalismus hinauskommen will, die eigene potenziell elitäre Rolle im Rahmen der gesellschaftliche Arbeitsteilung radikal in Frage stellen muss. Kritische Wissenschaft und studentische Mitbestimmung ist ohne Kritik der Wissenschaft und politischer Selbstorganisierung jedenfalls sind zu wenig, meinen wir.

Aber es gibt noch einen zweiten Aspekt: Durch die Veränderung der Struktur des Kapitalismus in den letzten 20, 25 Jahren sind die Universitäten näher an die ökonomische Produktionssphäre herangerückt, sind sie zum Teil direkt Rädchen im kapitalistischen Verwertungsgetriebe geworden. Drittmittelfinanzierung, industrienahe und sicherheitspolitisch relevante Lehrstühle auf der einen Seite steht auf der anderen die zunehmende Wissensbasiertheit des postfordistischen Kapitalismus gegenüber. Je mehr Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft wird, desto mehr wird die Universität zu einem Teil der „gesellschaftlichen Fabrik“. Kennzahlenunwesen, ECTS-Punkte, Sicherheitswahn an den Unis und die allgegenwärtige Evaluierungssucht sind deutliche Anzeichen dieser bereits weit fortgeschrittenen Tendenz. Dies konvergiert mit einer Proletarisierung der Studierenden: Rund die Hälfte der Studierenden in Österreich lebt an oder unter der Armutsgrenze! Dass dies Frauen, migrantische Studierende, AlleinerzieherInnen und nicht zuletzt auf Lohnarbeit angewiesene StudentInnen besonders betrifft, liegt auf der Hand. Wer Elite sein wird, muss studieren. Wer studiert, wird proletarisiert – wenn sie oder er nicht ohne dies bereits der Elite entstammt. Universitätspolitik ist also auch Klassenkampf, verstanden als Kampf gegen das Klassifiziert-Werden. Genügend Gründe also, um die Universität zu zerschlagen. Aber wie? Darüber lässt sich diskutieren.

Impulsreferat: Martin Birkner (redaktion grundrisse)

Die Texte zum Workshop gibt´s im Reiter „texte“ – nona