Anmerkungen zu Martin Birkner: Do you remember Wissensfabrik?

Hi, nur kurz
würde diese Entwicklung

„Damit einhergehend wurde der akademische Titel als allgemeines Äquivalent universitärer Bildung entwertet. Um dieser Entwertung entgegenzutreten, griff und greift der kapitalistische Staat zu administrativen Maßnahmen wie Zugangsbeschränkungen, Studiengebühren, knock-out-Prüfungen etc.“
eher als Ausdrucksform der Entwertung höherer Bildungsgänge ansehen, da sie mit der Einführung von Schmalspurstudien (Bachelor) korrespondiert bzw Vorbedingung dafür ist, dass manche Exzellenz werden dürfen.


„Die Einführung von Fachhochschulen, Privatuniversitäten oder unzähligen Post-Graduate-Studiengängen soll eine eng an die ökonomischen Bedürfnisse angeschmiegte fein-unterteilte Ausbildungslandschaft produzieren, ebenso die andauernden Reformen, Reformen der Reformen etc. Dies lässt jedoch auch auf eine gewisse Hilflosigkeit der Herrschenden hinsichtlich der An- und Einpassung des postmodernen Menschenmaterials an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes erkennen.“

Ja und zwar weil Teile der kritischen Bildungsforscher der 1970er/80er (Offe, Lehnhardt) immer wieder betont haben, dass der Staat gar nicht über das Diagnose und Prognosepotenzial verfügt (und auch nicht das Kapital!!), um iwssen zu können, welche Qualifikationen, welches Wissen zukünftig benötigt wird.
Der Versuch die Wissensproduktion und die Reproduktion des Arbeitsvermögens zu kontrollieren, ist daher vielleicht Ausdruck von Krise bzw. vielleicht sogar ein Krisenmotor. (die Vermarktlichung der Bildung erfolgt parallel zum Ausbau ihrer Bürokratisierung)

außerdem: das Grundeinkommen allein reicht nicht, da es eben auch um die Forderung nach einer universell zugänglichen Infrastruktur geht (was m.e. auch in Bildungsprozessen – aber darüber kann man streiten – die Personen miteinschließt die spezialisiertes Wissen schaffen und vermitteln (vielleicht ist letzteres in den Sowis universalisierbar – und selbst da hätte ich meine Zweifel – , aber dass alle sich mit Mechanik, Biotechnologie auskennen (müssen), ist nicht anzunehmen), also diejenige, die ARbeitsleistungen anbieten.

lg
RA
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Aufruftext zum Workshop:

Zerschlagt die Universität!?
Wissensproduktion, gesellschaftliche Arbeitsteilung im Kapitalismus und soziale Kämpfe

Die Forderungen der aktuellen Protestbewegung wie „Ausfinanzierung der Unis“, „Mitbestimmung“, „keine Studienbeschränkungen“, „Schluss mit dem Bolognaprozess“ oder „Frauenquote in der Universtitäsverwaltung“ sind gut, richtig und vollinhaltlich unterstützenswert. Dennoch sind wir der Ansicht, dass ein unseres Erachtens ganz zentraler Aspekt wenn überhaupt, dann nur „implizit“ in all diesen Forderungen mitgemeint ist – jener nach der Rolle von Studierenden bzw. StudienabsolventInnen im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Gesellschaftliche Arbeitsteilung ist in (post)industriellen Gesellschaften funktionale Notwendigkeit und gleichzeitig Herrschaftsinstrument. Die Bildungsinstitutionen und hier allen voran die Universitäten spielen die Hauptrolle in der Zuteilung von Herrschaftspositionen, also in der Absicherung des Bestehens von hierarchischen, ausbeuterischen und unterdrückerischen Verhältnissen. Die Universität ist die wichtigste Produktionsstätte gesellschaftlicher Eliten, und selbst studentische Mitbestimmung, durchaus progressive Hochschulreformen und alternative Lehrmethoden bzw. -inhalte haben dahingehend nichts Grundsätzliches verändert. Deshalb ist die im Gefolge der 68er-Bewegung aufgetauchte Parole von der „Zerschlagung der Universitäten“ für uns nach wie vor aktuell – nicht als Zerstörung der Möglichkeit emanzipatorischer Bildung im institutionellen Rahmen, schon aber als die Tatsache, dass eine emanzipatorische Bildungs- bzw. Hochschulpolitik, die über den Kapitalismus hinauskommen will, die eigene potenziell elitäre Rolle im Rahmen der gesellschaftliche Arbeitsteilung radikal in Frage stellen muss. Kritische Wissenschaft und studentische Mitbestimmung ist ohne Kritik der Wissenschaft und politischer Selbstorganisierung jedenfalls sind zu wenig, meinen wir.

Aber es gibt noch einen zweiten Aspekt: Durch die Veränderung der Struktur des Kapitalismus in den letzten 20, 25 Jahren sind die Universitäten näher an die ökonomische Produktionssphäre herangerückt, sind sie zum Teil direkt Rädchen im kapitalistischen Verwertungsgetriebe geworden. Drittmittelfinanzierung, industrienahe und sicherheitspolitisch relevante Lehrstühle auf der einen Seite steht auf der anderen die zunehmende Wissensbasiertheit des postfordistischen Kapitalismus gegenüber. Je mehr Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft wird, desto mehr wird die Universität zu einem Teil der „gesellschaftlichen Fabrik“. Kennzahlenunwesen, ECTS-Punkte, Sicherheitswahn an den Unis und die allgegenwärtige Evaluierungssucht sind deutliche Anzeichen dieser bereits weit fortgeschrittenen Tendenz. Dies konvergiert mit einer Proletarisierung der Studierenden: Rund die Hälfte der Studierenden in Österreich lebt an oder unter der Armutsgrenze! Dass dies Frauen, migrantische Studierende, AlleinerzieherInnen und nicht zuletzt auf Lohnarbeit angewiesene StudentInnen besonders betrifft, liegt auf der Hand. Wer Elite sein wird, muss studieren. Wer studiert, wird proletarisiert – wenn sie oder er nicht ohne dies bereits der Elite entstammt. Universitätspolitik ist also auch Klassenkampf, verstanden als Kampf gegen das Klassifiziert-Werden. Genügend Gründe also, um die Universität zu zerschlagen. Aber wie? Darüber lässt sich diskutieren.

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Was ist Verschulung?
Beitrag zur aktuellen Debatte um die Universität

In Reaktion auf den Text von Pyrx auf unibrennt, sowie auf Andreas Exner auf Sinet, zu Eurer Info und mit der Bitte um Kritik.

lG,
Markus

Markus Schallhas
Was ist „Verschulung“?
Die Grenzen sozialer Differenzierung

http://www.social-innovation.org/?p=1288

Die erste Forderung der Studierendenproteste lautet derzeit “Bildung statt Ausbildung!”. In Reaktion darauf ist eine kritische Debatte entstanden, die sich einerseits mit den Studierenden solidarisch erklärt und andererseits gegen die Forderung nach einem Mehr an Bildung den Aufruf hält: “Zerschlagt die Universitäten!” Andreas Exner von SINET und Martin Birkner von den Grundrissen schließen damit an frühere soziale Bewegungen an. Ich denke, es ist wichtig diese Debatte weiterzuführen und die Frage nach sozialer Arbeitsteilung und Differenzierung inner- und außerhalb der Universitäten zu stellen.

Mehr Uni

“Bildung statt Ausbildung” meint konkret die Rücknahme von Maßnahmen des neoliberalen Umbaus im Zuge des Bologna Prozesses, die von den Studierenden als “Verschulung” der Universitäten bezeichnet werden. Die Analyse, dass die Reformen, wie Einfühurung der Bachelor- und Masterstudien oder von verpflichtenden Einführungsphasen das wahrhaftig Universitäre zum Verschwinden bringen, beruht aber auf einem Irrtum: Verschulung bedeutet im Gegenteil ein Mehr an Universität. Universitäten sind soziale Institutionen, die auf bürokratische Art die Produktion und die Anerkennung von Wissen organisieren. Von den Studierenden gefordert wird hingegen ein selbstbestimmtes Studium. Die konkreten Forderungen sind insofern nicht als als ein Einsatz für ein Mehr an Universität zu beschreiben, als um ein Einsatz gegen mehr Universität.

Zerschlagung oder Ausbau der Universitäten?

Das soziale Realität an den Universitäten ist jedoch widersprüchlicher und geht über institutionell reglementierte Wissensproduktion weit hinaus. In der Tat findet auch selbstbestimmte Wissensproduktion statt. Es handelt sich um komplexe Gebilde aus verschiedenen Produktionsformen nicht nur von Wissen, sondern auch von Erfahrung, Essen, Gebäuden, Freundschaften u.v.a.m. Wichtige dieser Produktionsformen können als neoliberal, feudalistisch, staatssozialistisch, kommunitär und individualanarchistisch bezeichnet werden. Erstere drei beruhen auf Regulierung und schaffen einen Großteil der gesamten Struktur. Letztere sind eher in informellen Räumen anzutreffen. Für wissenschaftliche Innovationen sind erstere eher dysfunktional, während letztere tendenziell funktional sind. Die Krise der Universitäten besteht unter anderem darin, dass unter dem Druck wirtschaftlicher Effizienz dies übersehen wird und auf eine Ausweitung neoliberaler, staatsfeudalistisch und staatssozialistischer Produktionsweisen gesetzt wird. Dadurch werden jedoch weitere Probleme produziert, welche wiederum nach mehr Reglementierung rufen.

Zerschlagung und Ausbau der Universitäten

Wie kann der widersprüchlichen Realität, die v.a. in der Gemengellage verschiedener Produktionsweisen besteht, politisch Rechnung getragen werden? Von den Universitäten ist vor allem eine Anerkennung der informellen und freien Wissensproduktion zu fordern, die bereits existiert, sowie die Zurverfügungstellung zusätzlicher Ressourcen. Zu fordern ist des weiteren eine Rücknahme neoliberaler, feudalistischer und staatsozialistischer Regulierung. Wie diese Analyse allerdings in einen öffentlichen Diskurs umgesetzt werden kann, weiß ich nicht. Die Gleichzeitigkeit von widersprüchlichen Dingen und die Doppeldeutigkeiten der verschiedenen Begriffe bedeuten erhebliche Schwierigkeiten.

Die Entbettung des wissenschaftlichen Systems

Verschult werden aber nicht nur die Universitäten, sondern die gesamte Gesellschaft. Die Entstehung der Universitäten, das heißt die Abtrennung einer Sphäre des Wissens vom Rest der Gesellschaft, geht den immerneuen Universitätsreformen voran. Die letztlich entscheidende Frage ist, an welchem Ort Wissen entsteht. Die dominierenden Systeme beruhen auf der Illusion, dass es in Vorlesungen und aus Texten angeeignet werden kann. Dies ist eine Illusion und zwar deswegen, weil Wissen nicht konsumiert werden kann. Wissen kommt nicht aus einem Text oder dem Mund eines Vortragenden, sondern entsteht in den Köpfen der Menschen. Die zentrale Herausforderung eines Studiums besteht darin, einerseits seine eigenen Interessen zu entwickeln und andererseits den Anschluss an die bürokratischen Systeme zu erlangen. Dieses Problem wird an den Universitäten allerdings weitgehend verdrängt. Im Gegenteil, viele der Reformen beruhen auf der Auffassung, dass etwa in verpflichtenden Einführungsveranstaltung herausgefunden werden könnte, ob das Studium wirklich interessiert.

Die Grenzen der Differenzierung

Nicht geschaffen und angeeignet kann Wissen außerhalb der Universitäten werden. Wenn es das dennoch kann, dann wird es nicht anerkannt. Dies ist zumindest die häufige Konsequenz der gängigen Praxis. Dem ist entgegenzuhalten, dass die Differenzierung des wissenschaftlichen Systems kein selbstverständliches Phänomen ist. Sie erfolgt im Rahmen einer bestimmten politischen Ökonomie und ist geprägt von unterschiedlichen Formen der Unterdrückung. So zerstörerisch die Universitäten auf außeruniversitäre Formen der Wissensproduktion wirken, etwa im Hinblick auf den Niedergang des intellektuellen Lebens oder das Verschwinden oraler Traditionen, indigener Kosmosvision oder bäuerlichem Handwerks, so zerstörerisch wirkt auch ihre fortlaufende “Verschulung” auf sie selbst. Es gibt nicht nur Grenzen kapitalistischen Wachstums, sondern auch “Grenzen der Differenzierung”.

Die inneruniversitären Konsequenzen

Viele der beklagten Missstände an den Universitäten markieren eigentlich diese Grenzen. Wenn keine Zeit mehr bleibt für selbstbestimmte Gespräche und Lektüre, für Spontaneität und Änderungen im Curriculum, dann wird selbst noch das beste Regelwerk dysfunktional. Eine Flut an immergleichen Publikationen, an desinteressierten Menschen und psychischen Problemen ist die Folge. Ganz abgesehen davon, ob das wissenschaftliche System Relevantes zu seiner “Funktion” für die Gesellschaft beizutragen hat. Das hieße etwa zur Lösung der Wirtschafts-, Energie- und Klimakrise.

Zu einer Solidarische Ökonomie öffentlicher Dienste

Vieles des Obengesagten gilt auf die eine oder andere Weise auch für andere öffentliche Dienste und für die Funktionen, die sie erfüllen sollen. Die Gemengelage verschiedener Produktionsweisen und die Frage der Differenzierung / Entdifferenzierung stellen erheblich theoretische und praktische Probleme. Zentrale Elemente früherer sozialen Bewegungen, wie die Kritik am medizinischen System, an Gefängnissen und Schulen, sind unverständlich geworden. Hinter deren “Anti-”Haltung verbergen sich jedoch wichtige Einsichten.