Archiv für Oktober 2009

kürzestbericht vom 1.ws online

… unter „vergangene workshops“!

Nächster Workshop 5.11.

Beim Workshop am 30.10. wurde eine Fortsetzung beschlossen, und zwar am Do., 5.11.2009, 14 Uhr. Treffpunkt ist 13:45 (diesmal wirklich!) vor der Volxküche im Audimax-Gang. Wir wollen gemeinsam den Text von Hans-Jürgen Krahl lesen, ich versuche aber auch, den Autor des (Werbung!) soeben eingelangten Diskussionsbeitrages (siehe Reiter nebenan) zur Diskussion einzuladen. Vielleicht ändert sich dadurch auch was an der Textauswahl (der Krahl bleibt jedenfalls zentral), schaut also vielleicht so am Montag nochmals drauf!

Was ist Verschulung?

Beitrag zur aktuellen Debatte um die Universität

In Reaktion auf den Text von Pyrx auf unibrennt, sowie auf Andreas Exner auf Sinet, zu Eurer Info und mit der Bitte um Kritik.

lG,
Markus

Was ist „Verschulung“?
Die Grenzen sozialer Differenzierung

http://www.social-innovation.org/?p=1288

Die erste Forderung der Studierendenproteste lautet derzeit „Bildung
statt Ausbildung!“ In Reaktion darauf ist eine kritische Debatte
entstanden, die sich einerseits mit den Studierenden solidarisch erklärt
und andererseits gegen die Forderung nach einem Mehr an Bildung den
Aufruf hält: „Zerschlagt die Universitäten!“ Andreas Exner
http://www.social-innovation.org/?p=1279 und
Martin Birkner (http://unirot.blogsport.de) von den Grundrissen
schließen damit an frühere soziale Bewegungen an. Ich denke, es ist
wichtig diese Debatte weiterzuführen und die Frage nach sozialer
Arbeitsteilung und Differenzierung inner- und außerhalb der
Universitäten zu stellen.

Mehr Uni

„Bildung statt Ausbildung“ meint konkret die Rücknahme von Maßnahmen des
neoliberalen Umbaus im Zuge des Bologna Prozesses, die von den
Studierenden als „Verschulung“ der Universitäten bezeichnet werden. Die
Analyse, dass die Reformen, wie Einfühurung der Bachelor- und
Masterstudien oder von verpflichtenden Einführungsphasen das wahrhaftig
Universitäre zum Verschwinden bringen, beruht aber auf einem Irrtum:
Verschulung bedeutet im Gegenteil ein Mehr an Universität. Universitäten
sind soziale Institutionen, die auf bürokratische Art die Produktion und
die Anerkennung von Wissen organisieren. Von den Studierenden gefordert
wird hingegen ein selbstbestimmtes Studium. Die konkreten Forderungen
sind insofern nicht als als ein Einsatz für ein Mehr an Universität zu
beschreiben, als um ein Einsatz gegen mehr Universität.

Zerschlagung oder Ausbau der Universitäten?

Das soziale Realität an den Universitäten ist jedoch widersprüchlicher
und geht über institutionell reglementierte Wissensproduktion weit
hinaus. In der Tat findet auch selbstbestimmte Wissensproduktion statt.
Es handelt sich um komplexe Gebilde aus verschiedenen Produktionsformen
nicht nur von Wissen, sondern auch von Erfahrung, Essen, Gebäuden,
Freundschaften uvam. Wichtige dieser Produktionsformen können als
neoliberal, feudalistisch, staatssozialistisch, kommunitär und
individualanarchistisch bezeichnet werden. Erstere drei beruhen auf
Regulierung und schaffen einen Großteil der gesamten Struktur. Letztere
sind eher in informellen Räumen anzutreffen. Für wissenschaftliche
Innovationen sind erstere eher dysfunktional, während letztere
tendenziell funktional sind. Die Krise der Universitäten besteht unter
anderem darin, dass unter dem Druck wirtschaftlicher Effizienz dies
übersehen wird und auf eine Ausweitung neoliberaler, staatsfeudalistisch
und staatssozialistischer Produktionsweisen gesetzt wird. Dadurch werden
jedoch weitere Probleme produziert, welche wiederum nach mehr
Reglementierung rufen.

Zerschlagung und Ausbau der Universitäten

Wie kann der widersprüchlichen Realität, die v.a. in der Gemengellage
verschiedener Produktionsweisen besteht, politisch Rechnung getragen
werden? Von den Universitäten ist vor allem eine Anerkennung der
informellen und freien Wissensproduktion zu fordern, die bereits
existiert, sowie die Zurverfügungstellung zusätzlicher Ressourcen. Zu
fordern ist des weiteren eine Rücknahme neoliberaler, feudalistischer
und staatsozialistischer Regulierung. Wie diese Analyse allerdings in
einen öffentlichen Diskurs umgesetzt werden kann, weiß ich nicht. Die
Gleichzeitigkeit von widersprüchlichen Dingen und die Doppeldeutigkeiten
der verschiedenen Begriffe bedeuten erhebliche Schwierigkeiten.

Die Entbettung des wissenschaftlichen Systems

Verschult werden aber nicht nur die Universitäten, sondern die gesamte
Gesellschaft. Die Entstehung der Universitäten, das heißt die Abtrennung
einer Sphäre des Wissens vom Rest der Gesellschaft, geht den immerneuen
Universitätsreformen voran. Die letztlich entscheidende Frage ist, an
welchem Ort Wissen entsteht. Die dominierenden Systeme beruhen auf der
Illusion, dass es in Vorlesungen und aus Texten angeeignet werden kann.
Dies ist eine Illusion und zwar deswegen, weil Wissen nicht konsumiert
werden kann. Wissen kommt nicht aus einem Text oder dem Mund eines
Vortragenden, sondern entsteht in den Köpfen der Menschen. Die zentrale
Herausforderung eines Studiums besteht darin, einerseits seine eigenen
Interessen zu entwickeln und andererseits den Anschluss an die
bürokratischen Systeme zu erlangen. Dieses Problem wird an den
Universitäten allerdings weitgehend verdrängt. Im Gegenteil, viele der
Reformen beruhen auf der Auffassung, dass etwa in verpflichtenden
Einführungsveranstaltung herausgefunden werden könnte, ob das Studium
wirklich interessiert.

Die Grenzen der Differenzierung

Nicht geschaffen und angeeignet kann Wissen außerhalb der Universitäten
werden. Wenn es das dennoch kann, dann wird es nicht anerkannt. Dies ist
zumindest die häufige Konsequenz der gängigen Praxis. Dem ist
entgegenzuhalten, dass die Differenzierung des wissenschaftlichen
Systems kein selbstverständliches Phänomen ist. Sie erfolgt im Rahmen
einer bestimmten politischen Ökonomie und ist geprägt von
unterschiedlichen Formen der Unterdrückung. So zerstörerisch die
Universitäten auf außeruniversitäre Formen der Wissensproduktion wirken,
etwa im Hinblick auf den Niedergang des intellektuellen Lebens oder das
Verschwinden oraler Traditionen, indigener Kosmosvision oder bäuerlichem
Handwerks, so zerstörerisch wirkt auch ihre fortlaufende „Verschulung“
auf sie selbst. Es gibt nicht nur Grenzen kapitalistischen Wachstums,
sondern auch „Grenzen der Differenzierung“.

Die inneruniversitären Konsequenzen

Viele der beklagten Missstände an den Universitäten markieren eigentlich
diese Grenzen. Wenn keine Zeit mehr bleibt für selbstbestimmte Gespräche
und Lektüre, für Spontaneität und Änderungen im Curriculum, dann wird
selbst noch das beste Regelwerk dysfunktional. Eine Flut an
immergleichen Publikationen, an desinteressierten Menschen und
psychischen Problemen ist die Folge. Ganz abgesehen davon, ob das
wissenschaftliche System Relevantes zu seiner „Funktion“ für die
Gesellschaft beizutragen hat. Das hieße etwa zur Lösung der
Wirtschafts-, Energie- und Klimakrise.

Zu einer Solidarische Ökonomie öffentlicher Dienste

Vieles des Obengesagten gilt auf die eine oder andere Weise auch für
andere öffentliche Dienste und für die Funktionen, die sie erfüllen
sollen. Die Gemengellage verschiedener Produktionsweisen und die Frage
der Differenzierung / Entdifferenzierung stellen erheblich theoretische
und praktische Probleme. Zentrale Elemente früherer sozialen Bewegungen,
wie die Kritik am medizinischen System, an Gefängnissen und Schulen,
sind unverständlich geworden. Hinter deren „Anti-“ Haltung verbergen
sich jedoch wichtige Einsichten.

workshop AM FREITAG! zerschlagt die universität!?

Workshop, veranstaltet von der redaktion der grundrisse.zeitschrift für linke theorie & debatte (www.grundrisse.net) am Donnerstag, 30.10.2009, 13-15 Uhr, Südtiroler HochschülerInnenschaft, Treffpunkt 12:45 vor der Volxküche im Audimax-Gang

Zerschlagt die Universität!?
Wissensproduktion, gesellschaftliche Arbeitsteilung im Kapitalismus und soziale Kämpfe

Die Forderungen der aktuellen Protestbewegung wie „Ausfinanzierung der Unis“, „Mitbestimmung“, „keine Studienbeschränkungen“, „Schluss mit dem Bolognaprozess“ oder „Frauenquote in der Universtitäsverwaltung“ sind gut, richtig und vollinhaltlich unterstützenswert. Dennoch sind wir der Ansicht, dass ein unseres Erachtens ganz zentraler Aspekt wenn überhaupt, dann nur „implizit“ in all diesen Forderungen mitgemeint ist – jener nach der Rolle von Studierenden bzw. StudienabsolventInnen im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Gesellschaftliche Arbeitsteilung ist in (post)industriellen Gesellschaften funktionale Notwendigkeit und gleichzeitig Herrschaftsinstrument. Die Bildungsinstitutionen und hier allen voran die Universitäten spielen die Hauptrolle in der Zuteilung von Herrschaftspositionen, also in der Absicherung des Bestehens von hierarchischen, ausbeuterischen und unterdrückerischen Verhältnissen. Die Universität ist die wichtigste Produktionsstätte gesellschaftlicher Eliten, und selbst studentische Mitbestimmung, durchaus progressive Hochschulreformen und alternative Lehrmethoden bzw. -inhalte haben dahingehend nichts Grundsätzliches verändert. Deshalb ist die im Gefolge der 68er-Bewegung aufgetauchte Parole von der „Zerschlagung der Universitäten“ für uns nach wie vor aktuell – nicht als Zerstörung der Möglichkeit emanzipatorischer Bildung im institutionellen Rahmen, schon aber als die Tatsache, dass eine emanzipatorische Bildungs- bzw. Hochschulpolitik, die über den Kapitalismus hinauskommen will, die eigene potenziell elitäre Rolle im Rahmen der gesellschaftliche Arbeitsteilung radikal in Frage stellen muss. Kritische Wissenschaft und studentische Mitbestimmung ist ohne Kritik der Wissenschaft und politischer Selbstorganisierung jedenfalls sind zu wenig, meinen wir.

Aber es gibt noch einen zweiten Aspekt: Durch die Veränderung der Struktur des Kapitalismus in den letzten 20, 25 Jahren sind die Universitäten näher an die ökonomische Produktionssphäre herangerückt, sind sie zum Teil direkt Rädchen im kapitalistischen Verwertungsgetriebe geworden. Drittmittelfinanzierung, industrienahe und sicherheitspolitisch relevante Lehrstühle auf der einen Seite steht auf der anderen die zunehmende Wissensbasiertheit des postfordistischen Kapitalismus gegenüber. Je mehr Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft wird, desto mehr wird die Universität zu einem Teil der „gesellschaftlichen Fabrik“. Kennzahlenunwesen, ECTS-Punkte, Sicherheitswahn an den Unis und die allgegenwärtige Evaluierungssucht sind deutliche Anzeichen dieser bereits weit fortgeschrittenen Tendenz. Dies konvergiert mit einer Proletarisierung der Studierenden: Rund die Hälfte der Studierenden in Österreich lebt an oder unter der Armutsgrenze! Dass dies Frauen, migrantische Studierende, AlleinerzieherInnen und nicht zuletzt auf Lohnarbeit angewiesene StudentInnen besonders betrifft, liegt auf der Hand. Wer Elite sein wird, muss studieren. Wer studiert, wird proletarisiert – wenn sie oder er nicht ohne dies bereits der Elite entstammt. Universitätspolitik ist also auch Klassenkampf, verstanden als Kampf gegen das Klassifiziert-Werden. Genügend Gründe also, um die Universität zu zerschlagen. Aber wie? Darüber lässt sich diskutieren.

Impulsreferat: Martin Birkner (redaktion grundrisse)

Die Texte zum Workshop gibt´s im Reiter „texte“ – nona